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Friedhofscamp Sabile 25.7.-7.8.2017

25.7. Anreisetag
Wir fliegen diesmal mit LOT. Der Flug von Warschau nach Riga hat über eine Stunde Verspätung. Wir kommen deshalb erst um 03:40 in Sabile an.

26.7. (Mittwoch)
Wir machen eine erste Besichtigung des Friedhofs. Das Gebüsch links des Eingangs muss weg. Dann steht links ein toter Baum. Das wird schwer, den zu fällen, ohne dass etwas kaputt geht. Wir hoffen, dass wir morgen eine Motorsäge bekommen.
Insgesamt erweist sich das Weinfest als schwere Belastung. Wir können wegen des Weinfestes wohl erst nächst Woche mit Unterstützung der Stadtverwaltung rechnen. Das bisher gelieferte Werkzeug ist nicht der Rede wert.
Nachmittags waren wir in Talsi. Der Friedhof ist insgesamt in Ordnung. Einige Grabnummern sind verblasst.

27.7. (Donnerstag)
Inzwischen sind alle Teilnehmer eingetroffen, also jetzt 12 Personen. Auf dem Friedhof werden die Arbeiten erklärt und eine Einteilung für den ersten Tag getroffen.
Wir beginnen den Weg vom Tor auf den Friedhof. Die Arbeiten kommen sehr schnell voran.
In den Hauptgräberfeld werden fünf Sektoren abgesteckt. Erste Vegetation wird heraus genommen. In Feld 1 und davor werden insgesamt 8 Steine gefunden. Einer davon ein auf die Spitze gestelltes Karo. Ausser dem einen bereits bekannten Mamorstein im Feld 4 gibt es einen weiteren im Feld 1, aber beide werden sich mit dem Flaschenzug aufstellen lassen.
Mit der Motorsäge wird das Gestrüpp links vom Eingang beseitigt. Für den grossen toten Baum fehlt uns dann doch der Mut, weil er vermutlich auf die Mauer fallen wird.
Leider regnet es zwei Mal während der Arbeiten.

28.7. (Freitag)
Leider können wir wegen Regen nur verspätet anfangen, aber die Teilnehmer entscheiden, dass wir am Nachmittag noch 90 Minuten anhängen.
Mit dem Auskoffern des Weges kommen wir fast bis zum Abzweig vor Feld 1. Wenn wir die Schubkarre aufpumpen könnten, ginge es noch besser.
Wir beginnen das Loch in der Mauer hinter Feld 1 zu flicken. Die heruntergefallenen Steine dürften ausreichen. In der nächsten Woche können wir die Steine noch verputzen.
Es werden wieder acht Steine gefunden. Einen der schweren Mamorsteine stellen wir auf. Den Zement holen wir in der nächste Woche nach. Zwei weitere Marmorsteine werden zum Aufstellen vorbereitet. Die kleineren neu gefundenen Steine werden zum Teil aufgerichtet, wenn kein Zementfundament erforderlich ist.
Es wird klar, dass die Gräber in mehreren Reihen entlang der Westmauer eingerichtet wurden. Damit ist klar, dass die Nummerierung der Reihe durch Buchstaben und die der Gräber dann durch Zahlen erfolgt.

29.7. (Samstag)
Die Schubkarre ist wieder fertig. Nun geht das Abfahren der Grassoden leichter. Der Querweg wird auf 10 Meter fertig.
Es werden einige der grösseren Steine aufgerichtet, die dann nur noch zementiert werden müssen. Und es werden wieder Steine gefunden. Von einzelnen wird das Alter bestimmt (von ca. 1850 bis 1920).

30.7. (Sonntag)
arbeitsfrei

31.7. (Montag)
Heute gibt es etwas Schotter für die Wege, den wir auch sofort auftragen. Es kommt eine Tonne Wasser und mit dem Schotter lassen sich wenigstens einige Fundament machen. Um Grabsteine festzumachen brauchen wir allerdings feineren Sand.
Der ganz grosse Stein wird aufgerichtet, aber wir sehen im Moment noch keine Möglichkeit ihn in die richtige Richtung zu drehen. Einer der grossen Steine mit Sockel wird aufgerichtet und viele kleine dazu. Wir finden auch noch neue Steine, z.B. in der Reihe B ganz am Anfang. Es verbleiben nach heutigen Stand ausser dem grossen Stein noch vier „Problemsteine“.
Wir beginnen heute mit der Nummerierung der Steine und der Karte. Eine Fotokarte erleichtert, die Umrisse festzustellen.
Am Eingang nehmen wir von der Kiefer ausserhalb noch einmal weitere Äste weg, sodass jetzt schon vom Weg her die beiden Türme des Eingangs sichtbar sind.
Die Stadtverwaltung überlegt, wie der grosse tote Baum doch gefällt werden könnte.
Da morgen das Fernsehen kommt, überlegen wir, was wir denen zeigen können. Auf alle Fälle wird schon mal die Leiste mit dem Davidsstern für den Eingang fertig gemacht.

1.8. (Dienstag)
Wir bringen den Davidsstern am Eingang an. Die Sonne wirft einen Schatten davon auf den Weg.
Hinter dem feinen Sand müssen wir wieder hertelefonieren. Weiterer Schotter und die angekündigten Schubkarren fehlen auch. Es ist wirklich ärgerlich.
Für das Fernsehen ist einer der „Problemsteine“ vorbereitet. Der Stein stellt sich als ein Familienangehöriger des grossen Steins von gestern dar. Vom Alter her könnte es ein Ehepaar oder Geschwister sein. Es ist allerdings unklar, warum dazwischen zwei andere Steine stehen.
Mit dem Fernsehen kommt auch ein lokaler Guide. Der sagt, dass das südliche Loch in der Mauer entstanden ist, als man in sowjetischer Zeit eine Strasse über den Friedhof bauen wollte. Der Bagger, der die Mauer einriss, ging dabei kaputt und aus Kostengründen wurde der Plan aufgegeben, die Strasse zu bauen.
In dem Grabhaus sind auf der westlichen Seite Einschüsse zu sehen und auch auf einigen Grabsteinen in der Nähe der südlichen Mauerlücke. Da ist im Krieg gekämpft worden.
Als der feine Sand endlich kommt, können die ersten Steine zementiert werden, die glatt auf einem Sockel stehen.
An den Eingang kommt ein Stein, der auf die Restaurierung des Friedhofs hinweist.
Der Regen setzt heute erst lange nach der Beendigung der Arbeiten ein.

2.8. (Mittwoch)
Es kommt tatsächlich noch etwas Sand, aber zu wenig. Angeblich gibt es in Sabile zur Zeit nicht mehr. Immerhin können damit ein paar mehr Meter Weg gemacht werden.
Wir kriegen einen Generator und eine Flex, sodass der Haken am Tor abgeflext werden kann (von der Baggerschaufel aus!).
Der südliche Durchbruch der Mauer wird fast fertig. Die neue Mauer sieht sehr gut aus und es ist auch deutlich erkennbar, dass dort etwas mit der Mauer passiert ist.
Bei den Einschüssen am Haus auf dem Friedhof glauben wir nicht mehr, dass das zufällig Einschüsse von Kriegshandlungen sind. Es sieht eher danach aus, als ob dort Menschen (nicht sehr viele) erschossen worden sind.
Alle „Problemsteine“ werden aufgestellt und noch einige andere. Es bleiben aber für morgen mehr als genug.
Auch zwei Torflügel kriegen wir heute. Die Schaniere und Imprägnierung besorgen wir im Baumarkt.
„Dummerweise“ werden noch Steine gefunden. Ein Stein liegt in der Nordostecke des Friedhofs, ausserhalb aller anderen Steine.
Am Nachmittag fahren wir nach Saldus, um den Friedhof vom letzten Jahr anzusehen. Die Stadt hat einen neuen Stein an den Eingang gesetzt. Und der Friedhof macht einen gepflegten Eindruck.

3.8. (Donnerstag)
Fast alle restlichen Steine werden einzementiert. Ein paar werden noch aufgerichtet.
Das Tor erweist sich als schwieriger als gedacht, da die Türme am Eingang etwas brüchig sind und die zunächst gebrachte Bohrmaschine zu schwach war. Ein zufällig vorbeikommender Einwohner von Sabile half mit einem Bohrhammer aus. Mit dem gelingt es schliesslich. Es erfolgt ein erster Anstrich mit einer Schutzfarbe.
Reihe A ist komplett dokumentiert und Ansätze von Reihe B.
An dem zweiten Mauerdurchbruch wird weitergearbeitet. Am ersten ist fast alles aufgeräumt.
Wir bekommen auch noch eine neue Ladung Schotter, so dass wir die ausgekofferten Wege wenigstens notdürftig abdecken können.

4.8. (Freitag)
Heute kriegen wir noch einmal Schotter und eine zweite Schubkarre. Das ist leider etwas spät. So werden die Wege fertiggestellt und die dünnen Stellen auf die nötige Stärke gebracht.
Es werden noch mindestens drei Steine entdeckt und aufgestellt. Wenn wir den freien Teil des Friedhofs umgraben würden, würden wir wahrscheinlich noch unzählige Steine finden.
Alles wird zementiert und bei den gestern zementierten Steine die Fundamente mit Erde abgedeckt.
Die nördliche Mauer wird fast fertig. Da wird nur noch im Umfeld aufzuräumen sein.
Das Tor bekommt den zweiten und dritten Anstrich.
Eine genauere Untersuchung des südlichen Teils des Friedhofs ergibt, dass dort auf den ersten Blick mindestens 20 weitere Steine stehen und wahrscheinlich noch mehr verborgen liegen. Beide Teile sind deutlich voneinander getrennt. Da dieser Teil sehr dicht bewaldet ist, würden wir es nicht mehr schaffen, das alles freizulegen. Deshalb beschliessen wir, diesen Teil so zu lassen. Da die Gemeinde Sabile sich nicht sehr kooperativ gezeigt hat (kein Offizieller hat sich auf dem Friedhof sehen lassen), scheidet eine Verlängerung nächstes Jahr aus.

5.8. (Samstag)
Heute nur noch Restarbeiten an Mauer und einzelnen Grabsteinen. Das Tor wird noch einmal gestrichen. Der letzte Sand und Schotter wird verteilt. Es wird aufgeräumt.

6.8. (Sonntag)
Zur Eröffnung des Friedhof kommen ungefähr 50 Personen, darunter die israelische Botschafterin, Vertreter der jüdischen Gemeinde Riga (Gita, Ilya) und der Kultursekretär der deutschen Botschaft. Auch der Bürgermeister erscheint.
Eine Gruppe aus Amerika und Israel ist dabei, deren Vorfahren in Sabile gelebt haben. Sie finden tatsächlich ein Grab mit ihrem Familiennamen. Die Angehörigen aus Israel fragen, ob nicht auch Jugendliche aus ihrem Kibbutz teilnehmen können. Es wäre schön, wen sich da eine Zusamenarbeit ergeben könnte (auch im Hinblok auf eine Schulpartnerschaft).
Danach geht es zur Eröffnung des Denkmals von Ojars Feldbergs. Leider eine sehr lange Zeremonie mit vielen „Gedichten“. Die Angehörigen haben tatsächlich sehr viele Namen der Opfer ermittelt, die verlesen werden.

Rede von Hannah:
What’s your name?
That’s the first question people ask when they want to get to know each other.
And what is your name?
It means something. It shows you’re an individual and part of a group at the same time. Your last name tells a story about where your family comes from and which one you belong to, while your first name gives you something individual within this family.
Together, they make sure you are you.

Now, can you imagine not having a name?
Can you imagine being neither part of a family nor an individual anymore?
Just one piece of a gigantic puzzle – that has no picture on it.
All the stories people would tell now when they hear your name – gone, even your family’s name might not be remembered by anyone.
That’swhat happened to the victims of the Holocaust.
The National Socialists were stealers of names.
They took everything from people: Their possessions, their freedom, their dignity, their families, their lives.
We cannot give any of this back.
But there is one thing we can do, one thing we have to do:
We can never forget.
We have to make sure these people don’t disappear from our memory, and that the memory of their ancestors is kept as well.
That’s what we did during the last 12 days:
We got to know people. We got to know ourselves a little better, the others in our group, the people from Sabile – and we got to know at least a little bit about the people who lived in this town more than a hundred years ago.
We can’t give back their lives, but we can keep their memory. We can’t retrieve their stories, but we can make sure it’s visible they had one, with gravestones telling us about spouses, parents, children – and of course, a name.

That’s why we need to continue doing this work, year after year.
To make sure cemeteries like this one and the names and stories you find here are not forgotten; in place of so many whose graves are lost, destroyed beyond repair, or who don’thave one at all.
Especially in times like these, where rising numbers of Jewish cemetaries are deliberately destructed again, we need to put a strong sign against that.
In times where strangers are increasingly feared, we need to come together, different people, like we are, and live, work, learn, laugh and wonder together.
We need to build bridges, not burn them – between people, countries, religions and cultures.
We need to give back; give memories back to families, give a graveyard back to a community –
And give back their names to the people who lived and are now buried here.
In doing that, we can not take back what others did, and we can not make the past ok.
But we can participate in changing this world for the better. Just a little bit.
During these 12 days, we can shape the world in a way we want it to be: respectful, open to new things, curious – and filled with a lot of fun while remembering painful episodes in history and making sure they won’t be repeated.

So, let’s remember the names we found here, and approach strangers not with fear, but with the courage and openness it needs to ask this one very important question:
What’s your name?