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Camp Saldus 02.-13.08.2016

02.08.2016 (Dienstag)
Anreisetag: bis 15:00 sind alle eingetroffen. Wir fahren noch zum Friedhof. Die Stadtverwaltung hat schon eine Schneise bis zum Beginn des Friedhofes schlagen lassen. Ansonsten sieht man nur Urwald.

03.08.2016 (Mittwoch)
Wir stecken sofort den Friedhof ab und markieren, welche Bäume und welches Gestrüpp hinter dem Eingang entfernt werden soll. Gegen 09:00 kommen die Werkzeuge und der Mann mit der Motorsäge (mit Sicherheitspantoffeln und einer Kappe, die – wir beobachten konnten – auch Einschläge von Bäumen wegsteckt). Edijs (Stadtverwaltung) sagt den Bewohnern des Nachbarhauses Bescheid, was jetzt auf dem Friedhof passiert.
Es scheint, dass der genutzte Teil des Friedhofs deutlich kleiner als der ganze Friedhof ist. Oben (Nord) und links (Ost) und rechts (West) gibt es ein festes Betonband im Boden (möglicherweise stand da ein Zaun drauf). Unten (Süd) ist kein Ende erkennbar.
Nachdem ziemlich viel herausgeschlagen ist wird deutlich, dass Grabsteine wohl nur auf der Fläche hinter dem Eingangsbereich und in zwei Schneisen nach unten zu finden sind. Wir entscheiden, dass auch nur diese Bereiche des Friedhofs freigelegt werden. Die übrigen Teile (der deutlich grössere Teil) könnten Erweiterungsflächen gewesen sein, zu deren Nutzung es aber nicht mehr gekommen ist, weil der sogenannte neue Friedhof stadtnäher eingerichtet wurde.
Für die Markierung der Büsche und Bäume wäre jetzt Spray hilfreicher als Flatterband gewesen. Insbesondere bei Bäumen geht es einfach schneller, für Büsche ist Spray wohl weniger geeignet.
Ein Stein vor dem Grabhaus (rechts neben dem Eingang) wird aufgestellt. Die Einteilung der Grabsteine wird in Reihen von Ost nach West gemacht werden, jeweils durchnummeriert von Nord (oben) nach Süd (unten). Es gibt nach bisheriger Sichtung hebräische, jiddische und deutsche Inschriften.

04.08.2016 (Donnerstag)
Der Morgen beginnt mit starkem Regen, aber nach einer guten halben Stunde hört der Regen auf. Der Abhang ist aufgrund dessen etwas glitschig. Und macht das Heraustragen des Grünabfalls schwer.
Der Motorsägenmann kommt wieder. Diesmal in Sicherheitsgummistiefeln. Er sägt alles heraus, was wir für nötig halten.
An der Südseite des Friedhofs werden doch noch ein paar Gräber entdeckt, die wir durch einen Weg an der Grenze zugänglich machen werden. Im oberen Teil werden die ersten Steine aufgerichtet und zum Teil zum Zementieren vorbereitet. Es kommt Sand und Zement, aber da werden wir wohl erst Morgen mit anfangen.
Vor allem in den Reihen 6-8 liegen viele grosse umgefallene Steine. Das wird am Hang schwer werden. Bei einem Stein am Hang ist die Grabumrandung offensichtlich auf den umgefallenen Stein gerutscht. Unklar, wie wir den Stein bergen können, ohne das die Umrandung völlig zerbricht. Ein kleinerer Stein steht in der falschen Nord-Südrichtung. Die wird korrigiert.
Beim ersten Lesen fällt auf, dass viele Beerdigungen 1895 bis zur Jahrhundertwende stattgefunden haben. Es gibt auch Gräber ohne Grabsteine, aber die Grabhügel sind nicht so deutlich wie auf anderen Friedhöfen zu erkennen. Und mindestens drei Gräber sind aufgebrochen worden, an einem ist noch der Hügel mit dem Erdauswurf zu erkennen.

05.08.2016 (Freitag)
In der Nacht hatte es heftig geregnet. In der Pfütze vor unserer Unterkunft spritzt das Wasser beim Durchfahren bis über die Stosstange. Es ist alles nass, aber während der Arbeitszeit schien die Sonne.
Leider hat der Kettensägenmann dann doch nicht alles weggemacht, was er sollte. So kommen unsere Säge, Beil und Macheten zum Einsatz. Es ist immer noch viel Grünmaterial wegzuräumen. Und es lässt sich nicht mehr alles an der Strasse ablagern.
Wir beginnen Steine zu zementieren. Bei einem der grossen fällt auf, dass in der eigentlich nicht jüdischen Unterschrift „Friede seiner Asche“ das „A“ so schmal geschrieben ist, dass man überraschender Weise lesen kann „Friede seiner Ische“.
Im untersten Feld werden zahlreiche Steine gefunden. Normal war bisher, dass wir etwa 10% zusätzliche Steine unter der Erde finden. Diesmal geht es wohl über 25%. Das liegt zum Teil wohl auch daran, dass die Steine am Hang abgerutscht und dann verschüttet sind. Zum Teil liegen auch die Fundamente nicht mehr in Reihe. Einige Steine im unteren Teil sind mehr als 20 Jahre älter als die im oberen, was natürlich merkwürdig ist. Warum hat der Friedhof unten in dem Teil begonnen, der am weitesten weg von der Strasse ist? Wir haben bisher keine Erklärung dafür. Die Nummerierung der Reihen erfolgt jetzt statt nach Zahlen nach Buchtaben.
Im unteren Teil gibt es mindestens ein Kindergrab mit Stein: Charlotte Jakobson, die vier Jahre geworden ist.
Wir fangen an den Eingang zu bepflanzen. Es wird wohl ein Tor aus Baumstämmen geben, die wir vor allem an den alten Pfeilern befestigen. Der linke muss zuvor repariert werden. Der alte dicke Baumstamm fungiert als Bank hinter dem Eingang.
Nebenbei kommt heraus, dass Kinder beim Spielen 2014 den Friedhof entdeckt und dann ihren Lehrer davon verständigt haben.

06.08.2016 (Samstag)
Wieder schwerer Regen in der Nacht und alles ist wunderschön glitschig. Aber während der Arbeit ist es trocken.
Heute wird das Tor aufgerichtet und die Eingangschwelle (die schräg im Eingang lag) verlegt. Der Davidsstern wird Montag mittig unter dem Querbalken befestigt. Neben das Tor wird ein Stein gesetzt, der aussah wie ein Grabstein, aber keine Aufschrift trägt. Dort werden wir aufschreiben „ebreju kapi“.
Wenn das Wetter so bleibt, werden wir den Eingangsbereich und den Weg rechts nach unten abstreuen müssen, damit niemand bei der Eröffnung abrutscht.
Ausserdem werden im unteren Feld mehrere Grabsteine aufgerichtet und einzementiert. Die Steine von gestern stehen fest und die Gruben dazu werden zugeschüttet. Ein Grabstein wird aus einem offenen Grab geborgen. Es sieht so aus, als ob das Grab aufgebrochen wurde (um die Leiche zu fleddern) und dann der Sockel umgekippt ist und der Stein ins Grab gefallen ist.
Einige Grabsteine werden abgewaschen, was sich als sehr schwierig erweist, weil der Lehmboden so haftet.

07.08.2016 (Sonntag)
arbeitsfrei

08.08.2016 (Montag)
Heute keine Beeinträchtigung durch Regen. Fünf schwere Steine werden aufgestellt. Und so bleiben vielleicht noch fünf schwere für Morgen, wenn nicht wie heute noch weitere gefunden werden.
Das Team in diesem Jahr zeichnet aus, dass man kaum Anweisungen geben muss. Es wird gesehen, was gemacht werden muss und das wird getan. Und inzwischen wissen alles was wie geht.
Am Eingang wird der Stein beschriftet (als Abfallprodukt einer Probebeschriftung bleibt ein Wegweiser übrig, den wir an der Hauptstrasse setzen werden). Die Blumen werden gepflanzt und der Anfang eines Zaunes gesetzt. Edijs will sich um Schotter für den Eingangsbereich und die glatten Wege rechts und links bemühen.
Die Steine werden nummeriert, geschäumt und dann dokumentiert. Dabei stellt sich heraus, dass rechts einige sehr prachtvolle Steine stehen. Hinter dem Grabhaus ist der Stein eines Mitglieds der Cohen. Und wie im Lehrbuch steht dieser Stein nahe an der Grenze des Friedhofs, so dass die Cohanim (Cohenfamilie) an der Beerdigung teilnehmen konnten, ohne sich durch den Besuch des Friedhofs zu verunreinigen.
Leider haben wir bei der Nummerierung nicht gesehen, dass eine Reihe erst auf halber Höhe anfängt. So gibt es jetzt die Reihe „J“ zwischen „G“ und „H“. Die Reihe „H“ werden wir unten entlang der Grenze fortsetzen. Dort wurden heute noch einige Steine gefunden.

09.08.2016 (Dienstag)
Nur ein Regenschauer, aber hinterher ist alles nass.
Der Zaun am Eingang wird fertig. Es wird ziemlich viel geharkt und der Abfall raus gebracht. Der Wegweiser kann frühestens morgen angebracht werden.
Einige Steine, die in drei Teilen vorhanden sind, werden aufgestellt und zementiert. Dafür hätten wir vielleicht doch den Kran mitnehmen sollen. Der Stein unter der Grabumrandung wird geborgen. Die Umrandung bricht dabei. Zwei Steine sind offensichtlich nur aus Zement gegossen und entsprechend anfällig. Bei einem bricht die Ecke.
Edijs sagt zu, dass morgen oder übermorgen ein Schredder kommt, um den Grünabfall zu schreddern. Das Ergebnis können wir dann wie Rindenmulch zur Abdeckung des Eingangsbereichs und der Wege nutzen.

10.08.2016 (Mittwoch)
Heute leider ein heftiger Regenschauer. Der Boden wurde so glitschig, dass wir die Arbeiten ab 11:00 Uhr aus Sicherheitsgründen einstellen mussten. Es gab keinen geeigneten Halt um Steine aufzustellen. Der Boden eignete sich nur noch für eine Morastrutschbahn den Hang runter (Wacken lässt grüssen).
Aber bis dahin wurde alles ausgeharkt und zum Aufräumen ist nur noch der untere Weg an der Mauer entlang. Ein grosser Grabstein, der sehr schief stand, wurde ausgerichtet. Ein dreiteiliger mit Sockel und Fundament eingerichtet und der Stein zum Aufsetzen vorbereitet. Der Stein, der unter die Grabumfassung gerutscht war, wurde aufgerichtet. Ein paar Steine im unteren Teil wurden geschäumt und dokumentiert. Es ist an Steinen morgen nicht mehr ganz so viel zu machen. Bisher sind wir bei knapp 70 Steinen (die Umrandungen nicht gerechnet). Der Wegweiser an der Strasse wurde aufgestellt.
Nachmittags fährt eine kleine Gruppe nach Tukums. Das Problem dort mit dem Kanal wäre lösbar mit einer Sickergruppe von 6-8qm direkt an der Strasse noch vor den ersten Gräbern. Das sollte allerdings mit einem Bagger gemacht werden. Zur Arbeit dort: der Friedhof ist an sich gepflegt. Es könnten einige Steine aufgestellt werden. Dafür würden wir aber mehr als einen Kran brauchen. Ansonsten wird es schwierig einen Lageplan zu erstellen, weil die Ausmaße des Friedhofs so gross sind und viele Freiflächen zwischen den Gräber sind. Für ein Camp brauchen wir für die Arbeit schätzungsweise 25 Mitarbeiter. Von daher wird Tukums eher nicht dran kommen.

11.08.2016 (Donnerstag)
Kalt, aber sonnig und trocken. Die letzten Steine werden gesetzt, zementiert und fotografiert. Zwei Lastwagen mit Rindenmulch kommen und wir können den Eingangsbereich und alle Wege abdecken. Jetzt ist alles begehbar und es sieht deutlich besser aus.
Edijs sagt, dass in den Stein am Eingang, den wir mit „jüdischer Friedhof“ beschriftet haben, diese Worte eingeschlagen werden sollen.
Gegen Mittag sind wir vorzeitig mit allen Arbeiten fertig.

12.08.2016 (Freitag)
Es werden nur noch die Fahnen aufgehängt. Zur Abschlussfeier kommen der stellvertretende Bürgermeister von Saldus, die israelische Botschafterin, der Kulturattache der deutschen Botschaft, Gita Umanowska (jüdische Gemeinde Riga), Illya Lensky (jüdisches Museum Riga) und einige Bürger von Saldus (darunter zwei Mitglieder der jüdischen Gemeinde) und die Presse.
Mit Illya Lensky kann geklärt werden, dass der neue Friedhof ab 1900 betrieben wurde und dieser davor. Eine endgültige Erklärung, warum unten angefangen wurde, gibt es nicht. Lensky meint, dass in dem noch freien Teil vorher schon Beerdigungen waren (von oben angefangen), aber alles verschwunden ist. Da wir dort gar nichts gefunden haben, überzeugt das nicht.
Die israelische Botschafterin fragt, ob wir 2017 Sabile machen können. Dort gibt es einen Unternehmer, der an der Restaurierung interessiert ist und auch Geld auftreiben würde. Gita stimmt dem zu. Sie sagt, dass dort keine Bäume stehen, aber bis zu zwei Meter Gras. Alle Grabsteine seien umgefallen (oder umgeworfen).
Der stellvertretende Bürgermeister versichert noch einmal, dass sie mit einem Steinmetz den Stein am Eingang gestalten möchten, vielleicht auch einen grösseren und dass sie den Friedhof pflegen wollen. Wir können Voschläge für die Beschriftung machen (Davidstern – ebreju kapi – restaurācija 2016)
Nach der Eröffnung sind alle Gäste zum Kaffee eingeladen.
Abends kommt Edijs mit Frau zum Abschlussabend.

13.08.2016 (Samstag)
Abreisetag

Pauline Altenwerth
Thekla Bertold
Tobias Bohne
Claudia Don
Hannah Drasnin
Pia Franken
Marie Gruber
Anika Göttsche
Christoph Klatt
Henning Klatt
Jelena Okuneck
Paul Patzer
Nils Weber

Lasma Zeipe
Klaus-Peter Rex

Steine sprechen ihre eigene Sprache.
Einige Steine hier sollten offensichtlich zum Schweigen gebracht werden. Sie wurden umgestossen.
Einige sind im Laufe der Zeit den Abhang herunter gerutscht.
Und Erde hat sie überdeckt.
Einige sind auch gestohlen worden.

Alle Steine tragen Namen.
Wie jeder Mensch einen Namen hat.
Wer einen Namen unter den Menschen hat, der hat es geschafft,
der hat Gewicht.
Ein Mensch ist erst vergessen,
wenn sein Name vergessen ist.
Es war Absicht,
dass die Nazis den Juden verboten Grabsteine aufzustellen.

Wir haben in diesen Tagen den Toten ihre Namen zurückgegeben,
ihnen unter den Lebenden Platz gegeben,
Platz zur Erinnerung.
Es ist ein Garten der Erinnerung geworden.

Manche sind sehr jung gestorben,
wie Charlotte Jakobson, die nur vier wurde,
andere wurden über 80 Jahre alt wie Samuel Hirschwald.
Alle haben einen Namen und eine unverwechselbare Identität.
Bei Jesaja sagt Gott in einem Satz:
Ich habe dich bei deinem Namen gerufen.
Und davor steht: Fürchte dich nicht.

Beides tut gut.
Ich kenne dich,
aber nicht weil du Schlechtes getan hast.
Ich kenne dich,
auch wenn dir das Wasser bis zum Halse steht,
oder du durchs Feuer musst.
Ich kenne dich, du bist nicht vergessen.

Auf Hebräisch sagt man für Friedhof auch „Haus des Lebens“.
Die Namen geben Leben.
Das verbindet die Vergangenheit mit der Gegenwart.
Ich hoffe, dass in Saldus die Namen in diesem Garten der Erinnerung leben und gepflegt werden.