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Ein Bericht über das Workcamp in Plavinas vom 18. – 29. Juni 2006

Bilder vom Friedhof in Plavinas finden Sie hier: http://usdine.free.fr/gostinijewishcemetery.html

19.06.

Während das Camp im letzten sehr unter dem Wetter litt, begleiteten uns dieses Jahr an fast allen Tagen Temperaturen von über 30 Grad.

Am ersten Arbeitstag ging es vor allem darum, die Restarbeiten auf dem Friedhof abzustecken.

Der Friedhof ist über die im letzten Jahr angelegte Zuwegung gut mit dem Auto zu erreichen. Leider sind unsere Absperr-Baumstücke verschwunden (wahrscheinlich irgendwo verheizt).

Insgesamt muss der Friedhof einmal überarbeitet werden, weil nach der Abwahl von Bürgermeister Banders sein Versprechen nicht eingelöst wurde, im Frühjahr ABMs über den Friedhof zu schicken.

Die Platte von dem Gedenkstein wurde von Unbekannten entfernt. Da es sich um Plastik ohne Wert handelt, legt sich der Verdacht des Vandalismus nahe. Wir werden morgen die Gegend absuchen, ob die Platte noch zu finden ist.

Für etwa 45 Grabsteine wurden die Gruben für die Fundamente vorbereitet. Ausserdem wurde das nötige Material (Hebel und Rollen) vorbereitet. Der im letzten Jahr provisorisch aufgestellte Stein 309 (ohne Fundament) steht erstaunlich gut und es ist zu überlegen, ob die kleineren Steine nicht ohne Fundament eingesetzt werden.

Im Sektor 2.3 werden zwei Bruchstücke eines Steins gefunden, Inschrift in hebräisch, Datum auf deutsch. Leider fehlt bisher der obere Teil (0601).

Bei dem einzigen Stein (346) mit deutscher Aufschrift, der in der falschen Richtung liegt, wird aufgrund des Material und der Grösse entschieden, dass er zum Grab (345) daneben gehört.

Bei den Arbeiten zur Freilegung der Grababdeckung dieses Grabes finden wir knapp unter der Bodendecke einen relativ kleinen Schädel (zwei Teile). Wir haben die Vermutung, dass es ein Kinderschädel sein könnte.

Bei Grab 303 wird ein Haken gefunden, der vielleicht ein Teil des Hauses sein könnte, das einmal auf der Friedhof gestanden hat.

Auf Grab ??? können ein paar Fragmente zusammengebracht werden. Und jetzt stellen sich ein paar weitere Bruchstücke aus der näheren Umgebung als weitere Teiles dieses Steins heraus. Leider fehlen noch ein paar Stücke aus der Mitte.

Beim Mittagessen taucht Pfr. Miglons auf, und fragt nach der Gruppe und dem Zweck des Besuchs. Im Laufe des Gesprächs stellt sich heraus, dass eine 80-jährige Lehrerin in Gostini, Frau Ausma Corule, die Orte der Synagogen kennt. Der Augenzeuge Viktors Deliks vom letzten Jahr  ist inzwischen Alkoholiker geworden (Tod seiner Frau) und von ihm sind vermutlich keine weiteren Auskünfte zu erwarten.

20.06.

Am heutigen Tag stossen die lettischen Teilnehmer dazu.

Der Schädel vom Grab 345/346 wird von Dr. Silins als Schädel eines Jugendlichen identifiziert. Er stellt ausserdem fest, dass eine Obduktion stattgefunden hat. Damit dürfte klar sein, dass der Schädel aus einem wegen Grabraub geöffnetem Grab stammt. Da in der Nähe kein geöffnetes Grab ist, wird eine Zuordnung unmöglich. Wir beerdigen die Schädelteile am Rande des Grabes am Fundort.

Ein weiteres Teil eines Schädels wird in Sektor 2.3 gefunden. Dies Teil lässt sich dem geöffneten Grab daneben zuordnen.

Die entwendete Gedenktafel vom Eingang des Friedhofs wird von einem Suchtrupp in einem etwa 150 m breiten Streifen nicht gefunden.

Herr Hohloffs von Stadtrat bringt heute Zement, Sand und Wasser. Damit können die Arbeiten zu den Fundamenten beginnen. Wir schaffen zehn Fundamente (von etwa 50). Eine Schwierigkeit ist, die Tiefe der Löcher vorher zu bestimmen, weil Sand nachrutscht und der Stein dann höher kommt.

Es werden die Wege in den Bereichen 2.3 und 3.3 angelegt. Die Vermutung, dass dort weitere Steine liegen, erfüllt sich nicht.

Eine Gruppe beginnt mit einer neuen Zeichnung des Friedhofs, die so gross ist, dass in die Grabfelder die Daten der Verstorbenen eingetragen werden können. Wir rechnen damit, dass es ca. sechszehn Blätter der Grösse DIN A2 (vier mal vier) zusammenkommen werden. Also eine andere Einteilung als die bisherigen neun Sektoren (drei mal drei).

Bei der Übersetzung der Aufschriften stellt sich im Bereich 1.1 heraus, dass dort oft auch Familiennamen aufgezeichnet sind, jedenfalls bei den Namen der Eltern. Mehrfach genannt werden die Familien Leb, Mandel und Hirsch. Offensichtlich fanden dort Beerdigungen von 1900 bis 1915 statt. Auf vielen Frauengräbern ist vermerkt, dass die Verstorbenen Töchter eines Rabbis waren.

Auf dem Grabstein 336 wurde bisher übersehen, dass dort die Jahreszahl 1914 eingetragen ist. Im hebräischen Text steht 1915.

Für die geplanten Stolpersteine in Gostini gibt es neue neue Idee: wir verwenden Bürgersteinplatten, in die ein kurzer Text eingefräst ist. Damit wäre die Frage der Genehmigung durch Grundstückseigentümer uninteressant. Mit Frau Corule soll abgeklärt werden, wo die Orte sein könnten (laut Miglons kann sie die Fundamente mindestens einer Synagoge zeigen).

Die beiden lettischen Mädchen, die ihre Facharbeit über die jüdische Bevölkerung in Gostini geschrieben haben, haben wohl doch keine weiteren Augenzeugen befragt.

Dr. Silins will versuchen noch jemand zu finden, der etwas über den Exekutionsplatz und das Massengrab weiss.

21.06.

Bis auf zwölf Steine werden alle Fundamente gelegt. Leider rutscht ein grosser Stein so unglücklich in das vorbereitete Loch, dass er morgen zunächst mit Seilen geborgen werden muss.

Die Fragmente von Grab ??? werden mit Zement verbunden. Kurz danach werden auch fast alle übrigen Teile gefunden. Wir werden morgen versuchen, den gesamten Stein zu rekonstruieren.

Auch im Sektor 2.3 werden Teile gefunden, die zusammen einen Stein ergeben.

Ausserdem wird dort bei Grab 189 ein Dachziegel gefunden. Das könnte ein weiterer Hinweis auf das Haus auf dem Friedhof sein. Die Daten auf den Grabsteinen zeigen in dieser Gegend aber Zeiten um 1900 an (1887-1920), was gegen einen Standort des Hauses dort spricht.

Bei den stichprobenartig ermittelten Daten der Grabsteine fällt auf, dass eine Häufung um 1900 vorliegt. War das eine reiche Zeit, dass man sich Grabsteine leisten konnte, oder war es da Mode, einen Grabstein zu setzen? Der älteste Stein, den wir bisher finden konnten, ist im Sektor 2.1 aus dem Jahre 1860, der jüngste im Sektor 3.3 aus dem Jahr 1941 (eine der letzten Beerdigungen vor der Liquidierung).

Die meisten Grabsteine enthalten nur die bekannten Phrasen. Es gibt allerdings zwei Grabsteine, deren Texte deutlich länger sind. Hier ist Herr Meller zu fragen, was dort steht.

Die neue Kartographierung ist sehr zeitaufwendig, aber die bisher sichtbaren Ergebnisse sind eindrucksvoll. Es scheint möglich, auf allen Gräber mit Steinen die Aufschriften in die Karte zu übernehmen. Möglicherweise müssen wir dieses Team noch weiter vergrössern.

Da die vorhanden Fotos teilweise schwer zu lesen sind, ist die Überlegung, ob die Grabsteine nicht abgeschrieben werden sollten. So kann bei Unklarheiten vor Ort diskutiert werden. Dazu ist allerdings nötig, dass die Abschreiber in das hebräische Alphabet eingewiesen werden.

Der Wegweiser am Eingang (Fussweg) steht noch, bedarf aber einer Überarbeitung. Dafür werden die Vorbereitungen getroffen. Wir wollen noch einen zweiten im Wald aufstellen, an der Stelle, wo der Weg sich teilt. Wir verzichten darauf, an der Zufahrt einen Wegweiser zu errichten, um keinen unnötigen Fahrzeugverkehr zu ermöglichen.

Mit Lasma und Liga sprechen wir über ihre Facharbeit. Sehr eindrucksvoll ist ihre Befragung der Schüler am Gymnasium in Plavinas. Daraus geht unter anderem hervor, dass vor unserer Rekonstruktion (mit Beteiligung der lettischen Schüler) niemand an der Schule von der Existenz eines jüdischen Friedhofs wusste, nach der Aktion waren es immerhin 53%.

Die Arbeit selber erschliesst keine neuen Quellen. Sie verwendet nur die uns bekannten und kommt folglich auch zu keinen neuen Ergebnissen. Ein grosser Wert ist allerdings, dass die Ergebnisse damit in lettischer Sprache vorliegen.

Abends besuchen wir noch mit Banders Frau Corule. Sie ist in das Haus eingezogen, als hinter dem Haus nur noch die Ruinen der Synagoge zu sehen waren. Das lässt vermuten, dass sie nur wenig zur Geschichte sagen kann.

Banders hat Fotokopien des Grundbuches von Gostini von 1943 mitgebracht. Darauf ist die Synagoge (60F) tatsächlich hinter den Haus eingetragen (die Stelle, die uns Deliks gezeigt hat, liegt rechts daneben). Der Zugang war von einer heute nicht mehr vorhandenen Strasse (Fabrikas iela) aus.

Die Karte weist am Ende der heutigen Sackgasse Fabrikas iela rechts ein (heute unbebautes) Grundstück (43F) aus, das für eine jüdische Schule verwendet wurde (oder werden sollte). Die Rabbischule an der Ecke (laut Information von Deliks) ist nicht ausgewiesen.

Die andere Synagoge hat nicht direkt an der Strasse (Vibe iela) gelegen. Das war so auch schon bekannt. Das heute noch existierende Haus (127F) war im Besitz der Gemeinde. Nach links versetzt dahinter war die Synagoge (126F).

Ansonsten weist die Karte nur noch ein Grundstück im Besitz der Gemeinde aus (36F). Die Funktion ist unklar.

Andere Karten sind in Plavinas nicht vorhanden. Alle diese Fragen müssen mit Herrn Meller abgesprochen werden.

Zur Frage der Gedenksteine/Tafeln ist relativ schnell klar, dass eine Tafel am Haus von Frau Corule wenig bringt (zu verdeckt). Es gibt keinen Bürgersteig davor (es beginnt sofort die Strasse). Am sinnvollsten scheint im Moment grössere Feldsteine zu halbieren, zu beschriften und in den Boden zu versenken. Das wäre auch auf der Strasse möglich (und auch vor der zweiten Synagoge).

Über das Ghetto gibt es keine neuen Informationen.

22.06.

Die tägliche Anlieferung von Zement und Wasser hat sich inzwischen eingespielt. Da morgen Feiertag für die Letten ist, musste für heute eine entsprechend grosse Menge kalkuliert werden.

Heute werden die restlichen Fundamente gesetzt. Für die kleinen Steine werden kleine Betondreiecke geschaffen (wie bereits auf dem Friedhof vorhanden.

Ein dritter Stein kann zusammengepuzzelt werden. Ob auch für den Rest der Bruchstücke die fehlenden Teile gefunden werden, erscheint sehr fraglich. Der Versuch mit Zement als Binder zu arbeiten, ist fehlgeschlagen. Wir werden es morgen mit Steinkleber versuchen.

Wie es aussieht sind fünf bis sechs Bäume tot, bzw., so krank, dass sie gefällt werden müssen. Bei einem Baum im Sektor 2.3 ist das Problem, dass er zwischen zwei Steinreihen fallen muss.

Im Sektor 2.3 wird bei Wegarbeiten ein weiterer Stein entdeckt und sofort aufgestellt und einbetoniert. Es stellt sich eine deutliche Routine bei solchen Arbeiten ein.

Auf der Grenze zwischen Sektor 2.2 und 2.3 gibt es ein Grab mit einer offensichtlich gemauerten Kammer. Wir beschliessen die Kammer im oberen Teil sichtbar zu machen. Nachdem die dünne Erdschicht vorsichtig abgehoben ist, ist die Enttäuschung gross: die Kammer ist irgendwann zerstört worden und rund um das Grab liegen die Rest der Verwüstung. Wir entscheiden uns, die noch bestehenden Mauerreste zu erhalten und die Bruchstücke wegzuräumen. So ergibt sich eine bis zu zwei Steinen hohe Grabeinfassung, die durchaus ansehnlich wirkt.

Die Kartographen kommen in den höchsten Teil des Friedhofs im Sektor 2.2 und es wird deutlich, dass eine Projektion der Gräber auf der Ebene des vorderen Wegs erstellt werden muss. Damit geht der Maßstab verloren. Aber es ist wohl wichtiger, dass man bestimmte Gräber finden kann, als ein maßstäbliches Abbild zu haben.

23.06.

Alle neufundamentierten Steine stehen gut. Unklar ist noch, was mit den drei Steinen geschehen soll, die von einem vorhandenen Fundament abgebrochen sind (zwei mit Armierungen).

Es werden neue Fragmente im Sektor 2.2 gefunden. Eine weiterer Stein kann damit komplettiert werden (der vierte). Zu diesem Stein ist auch ein Fundament vorhanden. Da es aber sehr tief in der Erde sitzt, muss erst das Teil geborgen werden und wahrscheinlich ausserhalb des Grabes mit den Teilen zusammengesetzt werden.

Es fällt auf, dass fast alle zerbrochenen Steine auf der Grenze von Sektor 2.2/2.3 sind. Der Verdacht des Vandalismus ist sehr gross, auch aufgrund des Ausmasses der Fragmentierung. Andere Steine wie im Sektor 1.1 haben nur eine Bruchstelle.

Mit Hilfe des eingekauften Klebstoffs fangen wir an die zerbrochenen Steine wiederaufzubauen. Da teilweise drei bis vier Schichten aufgebaut werden müssen, wird heute nur der erste Teil angefangen.

Es werden zwei Knochen (ein Oberschenkel und ein weiterer Knochen) im Sektor 2.3 gefunden, und an den Fundstellen beigesetzt. Da in keinem Fall unmittelbar daneben aufgebrochene Gräber vorhanden sind, sind diese Knochen möglicherweise durch Tiere verschleppt worden.

Ein Abschreibteam beginnt nach einer Einweisung in die hebräische Sprache mit dem Abschreiben von Grabsteinen. Dies geschieht, damit neben den Fotos eine zweite Übersetzungsmöglichkeit gegeben ist. Überraschend ist, dass die Diskussion von einzelnen Buchstaben (also beispeilsweise: ist es ein Dalet oder ein Resch, ist es ein Bet oder ein Kaf) der richtigen Lösung schneller näher bringt.

Eine Gruppe kümmert sich heute um den Wegweiser aus Birkenholz an der Strasse und erstellt einen weiteren an einer Fusswegkreuzung im Wald.

Im Sektor 2.3 werden Wegearbeiten gemacht.

24.06.

Der Tag ist arbeitsfrei und wir fahren zum Friedhof nach Livani.

Der Friedhof liegt direkt im Anschluss an einen christlichen Friedhof (liegt rechts vom jüdischen Friedhof) in der Mitte der Stadt. Er ist umfasst von einer Betonmauer von gut 1,50m Höhe. An der Hinterseite ist die Mauer auf mehreren Metern umgefallen.

Auf dem Grundstück hat jemand ein Haus gebaut und offensichtlich auch Teile des Friedhofs benutzt. Es gibt keine vernünftige Zuwegung (an der ursprünglichen steht das Haus). Links neben dem Friedhof ist eine Bauruine.

Von der Grösse dürfte der Friedhof an den Friedhof in Gostini heranreichen, die Arbeiten wären aber ungleich schwerer: es sind zwar alle Bäume gesund, aber um einen offen freundlichen Eindruck zu schaffen, scheint das Fällen einiger Bäume nötig.

Vom Nachbarn auf dem Friedhof bekämen wir Wasser und Strom (sagt jedenfalls der erwachsene Sohn). Das ist wichtig, da wir mit Sicherheit einen Steinbohrer brauchen.

Es sind deutlich mehr Grabumrandungen und weniger Grabsteine vorhanden. Offensichtlich gab es auch auf diesem Friedhof Randale: zwei Grabsteine stecken kopfüber im Boden, einige Grabsteine sind beschmiert, hinten links gibt es einen Grillplatz auf Grabsteinen.

Die zerbrochene Mauer (vorne und hinten) könnte duch einen Holzzaun ersetzt werden. Gleiches könnte mit der Abgrenzung zum Grundstück des Nachbarn passieren. Es werden ca. 140 m Zaun benötigt.

Auf der Rückfahrt kommt eine neue Idee zu den „Stolpersteinen“ auf. Da die Stolpersteine in Gostini ziemlich versteckt liegen würden, könnte für jeden getöteten Juden auf einem Betonfeld ein kleiner Feldstein gesetzt werden. Der richtige Bereich könnte in der Nähe der Kirche sein.

Die Fahrzeit mit dem PKW zu diesem Friedhof von Plavinas aus beträgt etwa 30 min.

25.06.

Auch heute ist arbeitsfrei.

Zunächst stellt sich heraus, dass nur der Zwei-Komponenten-Kleber sehr gute Ergebnisse bringt. Der Kleber aus der Katusche ist nur zufriedenstellend, an einigen Stellen nicht ausreichend. Beide Kleber sind bis -20 Grad, aber es bleibt das Ergebnis nach dem Winter abzuwarten.

Dann besichtigen wir den Friedhof in Jaunjelgava (früher: Friedrichstadt). Er liegt südlich der Stadt neben dem christlichen Friedhof.

Ein Teil des Friedhofs wird offensichtlich gepflegt. Am Eingang ist das Rasen gemäht und auch sonst sind Strukturen zu erkennen. Alle Grabsteine sind mit Zahlen versehen. Wir sehen als höchste Zahl 710. Da es auch viele Gräber ohne Grabstein gibt, dürften insgesamt 1500 oder mehr Gräber vorhanden sein.

Am Ende des Friedhofs ist eine Gedenkstätte für die 1941 erschossenen fünfhundert Juden (es sieht so aus, als ob das auch der Erschiessungsplatz gewesen sein könnte – aber wo ist dann das Massengrab?).

Vielleicht ein Viertel des Friedhofs ist völlig verwildert.

Viele Grabsteine haben deutsche und hebräische Inschriften, einige deutlich geteilt: oben hebräisch unten deutsch. ein Grabstein ist von der Vorderseite hebräisch, von der Rückseite deutsch beschriftet. Es gibt auch noch andere Formen von Grabkammern, als wir bisher gesehen haben. Auf einigen wenigen Grabsteinen findet sich auch das LKJ, was wir von Gostini kennen. Auf den ersten Augenschein gleichen die Inschriften eher denen in Livani als in Gostini.

Im vorderen Teil ist zu erkennen, dass erst kürzlich jemand versucht hat die Inschriften auf den Steinen lesbarer zu machen. Es findet sich Sand in den Vertiefungen, andere Steine sind mit blauer wasserlöslicher Farbe (Kreide?) angestrichen.

Die Fahrzeit mit dem PKW zu diesem Friedhof von Plavinas aus beträgt etwa 35 min.

26.06.

Fahrt nach Riga.

Zunächst wird die KZ-Gedenkstätte Salaspils vor Riga besichtigt. Salaspils war ein Arbeitslager, aber es sind auch zahlreiche Juden erschossen worden.

Danach treffen wir im jüdischen Museum Herrn Meller. Nach einem kurzen Vortrag und einer Führung beantwortet Herr Meller unsere Fragen.

Unsere Arbeitsergebnisse von 2005 sind in ein Buch von ihm eingeflossen und dort sind auch Bilder von unserer Arbeit.

Bezüglich des Ghettos in Gostini ist er sich sehr sicher, dass es in Gostini war und zwar an der Stelle, die uns im letzten Jahr Herr Deliks gezeigt hat.

Bezüglich der „Schreibfehler“ auf den Grabsteinen sagt er, dass das Resch manchmal verschoben ist, weil sonst beim Lesen als Wort Begriffe wie „Schwein“ oder „Gauner“ entstehen würden. In diesem Fall wird das Resch auf die 3. Stelle gesetzt wird.

Warum die meisten Grabsteine um 1900 sind, weiss er nicht. Er hat inzwischen auch einige Grabsteine übersetzt, aber in russisch. Er will die Texte aber in deutsch übersetzen. Den neuen Lageplan mit dem Eintrag der Grabinschriften findet er gut.

Der Name „Bär“ wird auf den Grabsteinen mit „Dov“ angegeben, „Hirsch“ mit „Zwi“.

Herr Meller kennt den Erschiessungsplatz bei Krustpils und wird ihn uns am Mittwoch zeigen.

Der Idee eines Feldsteinfeldes stimmt er zu. Hier ist also mit der Bürgermeisterin zu verhandeln. Morgen werden wir gucken, ob es rechts neben der Kirche  an der Strasse eine Möglichkeit gibt.

In Livani gibt es Massengräber links und rechts neben der Strasse, aber auch am Friedhof (möglicherweise dort, wo jetzt die Fabrik steht). Das Haus ist eher besetzt als gekauft.

Der Friedhof in Jaunjelgava wird von einem Juden, Herrn Schatz, gepflegt. Er hat das Massengrab neu gestaltet und auch die Sichtbarmachung der Zeichen veranlasst.

27.06.

Die markierten Bäume sind gestern gefällt worden und glücklicherweise ist nichts beschädigt worden. Es muss aber aufgeräumt werden.

Die geklebten Steine sind inzwischen alle ganz fest geworden. Der erste Test war dann wohl zu früh. Heute werden deshalb mit dem Riga gekauften Material zahlreiche Steine geklebt.. Soweit Teile der Steine fehlen, werden die mit Zement aufgefüllt.

Wir überlegen, wie wir den Lastwagen mit dem Stein für das Kindergrab möglichst nahe an das Grab heranbekommen. Die Überlegung zwei Gräber aufzuheben und dadurch einen besonderen Zugang zu schaffen, wird verworfen. Der Lastwagen muss in dem Bereich der neu gefällten Bäume fahren. Das funktioniert auch und der Stein wird gesetzt.

Die Arbeiten zur Kartographierung werden abgeschlossen und morgen wird nur noch einmal eine Kontrolle gemacht.

Die Israelis kommen an und besichtigen sofort den Friedhof. Sie sind von der Qualität der Steine und der Menge begeistert. Frau Goldstein sucht das Grab ihrer Großmutter. Auf den Fotos hat sie es nicht gefunden, aber auch nicht alles lesen können, weil die Schrift teilweise schlecht ausgeleuchtet war.

Es fällt auf, wie leicht Ihnen das Lesen der Grabsteine (insbesondere das Entziffern der Namen) fällt. Es ist deshalb zu überlegen, ob nicht für ein weiteres Camp ein Israeli teilnimmt.

Die Israelis bestätigen die Vermutung, dass vor 1900 keine Familiennamen auftauchen. Es finden sich viele neue Familien Namen wie z.B. Landmann, Schneimann, Lekker.

28.06.

Alle Steine, die gestern geklebt wurden, sind fest, sogar der Stein, der so unglücklich auf der Höhe des Fundaments gerissen war. Also werden wir mutiger und kleben auch Steine, die glatt am Fundament abgerissen sind.

Die letzten Aufräumarbeiten werden gemacht. Die Ersatzplatte am Gedenkstein wird angebracht. Diese ist wieder aus Plastik und wir wollen damit zunächst testen, ob es vielleicht doch einen antisemitischen Hintergrund für den Diebstahl der alten Platte gibt.

Die israelischen Gäste finden tatsächlich den Grabstein der Grossmutter. Vorname und Vornamen der Eltern, sowie das Todes- bzw. Beerdigungs-Datum stimmen überein. Nachnamen finden sich auf diesem Grabstein nicht, aber es ist ziemlich unwahrscheinlich, dass noch jemand mit den gleichen Daten zur gleichen Zeit in Gostini gestorben ist.

Am Grabstein 72 diskutieren die Israelis mit Meller über die Deutung des Textes. Nach den Lebensdaten findet sich ein längerer Text, der zwei Deutungen zulässt: dieser Stein wurde gesetzt zum Beginn des ewigen Lebens (die Israelis), oder dieser Grabstein wurde gesetzt als erster (zur Erweiterung) des Friedhofs (Meller). Die erstere scheint wahrscheinlicher, weil sie ohne Textergänzung auskommt.

Ausserdem treffen wir eine neue Zeitzeugin, Inta Ziberga, die zur Zeit der Deportation 15 Jahre alt war. Auch sie hatte wie Herr Deliks viele jüdische Freunde. Sie sei oft in der Gegend der Lederfabrik spazieren gegangen und einmal in einen noch heute sichtbaren Teich gefallen.

Sie weiss von drei Synagogen und kann uns den Standort der noch fehlenden zeigen. Sie glaubt, dass diese Synagoge am Ende des heutigen Fabrikwegs rechts vor der Lederfabrik war. Sie beschreibt diese Synagoge als flachen Holzbau (nur die Synagoge in der Vibestrasse war aus Stein). Aufgrund der Karte von 1943 kann es aber sein, dass sie das Haus 43F meint, was allerdings heute nicht mehr zu sehen ist.

Über das Ghetto berichtet sie, dass es nur 14 Tage bestanden hat und dass alle Juden aus Gostini ohne Essen in der Synagoge (60F) eingesperrt waren. Ein Mädchen, dass Essen holen wollte, sei auf der Strasse ertschossen worden.

Diese Synagoge war zweistöckig. Aus der Karte geht hervor, dass die Grundfläche etwa 350 qm war. Das wäre für möglicherweise 700 Menschen sehr wenig. Frau Ziberga sagt, dass die Juden in der Synagoge dicht nebeneinander gestanden hätten (14 Tage?). Frau Corule, die allerdings zu dem Zeitpunkt 1941 nicht in Gostini war, sagt, dass auch ihr Haus Ghetto gewesen wäre. Sie zeigt uns im Garten die Fundamente der Synagoge. Diese Fundamente entsprechen der Karte von 1943. Insgesamt scheint es deutlich wahrscheinlicher, dass das Ghetto mindestens die vier Grundstücke 58F, 59F, 60F und 42F umfasst hat, weil rundherum Strassen waren und daher eine Bewachung einfacher gewesen ist.

Alle drei Synagogen seien nach dem Krieg von den Russen abgerissen worden. Von einer vierten Synagoge weiss sie nicht. Herr Meller übergibt am Mittag ein Papier, in dem von zwei chassidischen und zwei Mitnagdim- Synagogen berichtet wird.

Die Erschiessungen sind nach Meinung von Frau Ziberga durch die lettischen Nachbarn, aber in deutschen Uniformen (merkwürdig). Sie meint, dass die Deutschen am Tag der Erschiessungen in Gostini waren. Das erscheint fraglich, da nach mehreren anderen Berichten die Deutschen nur ein paar Tage zur Wiederherstellung der Brücke über die Aivierkste in Gostini waren (und das war deutlich vorher).

Die Älteren wurden mit Lastwagen zur Erschiessung gefahren, die Jüngeren mussten laufen.

In die Häuser der Erschossenen zogen die Letten ein, bzw. viele Häuser blieben leer, weil einfach nicht genug Menschen in Gostini waren.

Frau Corule nennt folgende Namen von jüdischen Familien aus Gostini: Schreiber, Silbermann, Binder, Zibuli und Skolniks (von beiden letzteren seien Überlebende nach dem Krieg in Gostini gewesen). Diese Familiennamen sind mit den Opferlisten von Yad Vashem zu vergleichen.

Gegen Mittag findet die Einweihungsfeier des Gedenksteines am Kindergrab statt. Diesen Stein hat die jüdische Gemeinde in Riga gestiftet.

Herr Meller zeigt uns das Massengrab für die Erschossenen aus Gostini. Diese sind zunächst am Erschiessungsplatz im Wald bei Krustpils in den selbst ausgehobenen Gruben verscharrt worden, in den fünfziger Jahren aber auf einen Friedhof in Asote (bei Jekabpils) erneut bestattet worden. Er geht davon aus, dass dort etwa 300 Ermordete aus Gostini dort bestattet liegen (weitere aus vielen anderen Städten der Gegend). Da Yad Vashem etwa 280 Namen von Ermordeten aus Gostini kennt, ist davon auszugehen, dass die Gesamtzahl deutlich höher liegt (etwa dreimal so viel).

Später fährt eine Delegation mit Herrn Meller und Frau Umanovska nach Livani, um mit zwei Vertretern des Stadtrates dort über ein Camp 2007 zu verhandeln.

Die beiden Vertreter zeigen sich sehr interessiert an einem solchen Projekt und versprechen jede mögliche Unterstützung. Sie bitten um eine baldige Projektbeschreibung, damit sie ihre eigenen Kosten überschlagen können.

Der Friedhof ist ihnen schon länger ein Anliegen,weil er so verwahrlost ist und deshalb hat man vor ca. 3 Jahren Büsche und kranke Bäume entfernt (das erklärt den guten Ist-Zustand).

Das Grundstück für das Privat-Haus auf dem Friedhof ist – aus welchen Gründen auch immer – in der Wendezeit 1991 an den jetzigen Besitzer verkauft worden. An mehr hat man sich nicht herangetraut.

Auf den Friedhof selber stellt sich heraus, dass sie eine Erneuerung der eingestürzten Mauer wünschen. Dem stimmt auch Herr Meller zu. Zur Abgrenzung zum Nachbarn soll ein Holzzaun entstehen.

Da der Nachbar den ursprünglichen Zugang nutzt, muss ein neuer Zugang durch Abbruch eines Teils der Mauer geschaffen werden, etwa im Bereich des noch gerade sichtbaren Weges den Berg hinauf.

Auf dem Teil des Friedhofes, der an den christlichen anschliesst, ist zu prüfen, wie weit dort tatsächlich Gräber vorhanden sind. Wenn keine Gräber vorhanden sind, soll der Teil zur Erweiterung des christlichen Friedhofs genutzt werden.

Der Nachbar hat offensichtlich im Bereich seines Parkplatzes Grabumfassungen entfernt und auf dem Friedhof wahllos abgelagert. Diese müssen zum Teil umgedreht, zu anderen Teil neu ausgerichtet werden.

Einige Grabsteine sind bei einer versuchten Renovierung in den fünfziger Jahren in der falschen Richtung aufgestellt worden. Diese Mängel müssen beseitigt werden.

Vor der Mauer zur Automontage soll ein Gedenkstein aufgestellt werden für die Toten des Massengrabes unter der Automontage (es gibt noch weitere vier Massengräber in Livani).

29.06.

Heute werden noch die Stützbandagen von den letzten geklebten Steinen entfernt. Selbst Steine, die wir glatt auf das Fundament geklebt haben, halten. Nur ein Stein, bei dem allerdings nur noch ein Klebstoffrest vorhanden war, hat nicht gehalten und wird wieder auf das Grab gelegt.

Die zusammengepuzzelten Steine werden fotographiert.

Am Nachmittag steht ein Besuch mit Herrn Meller und Frau Umanovska in der Deutschen Botschaft an. Herr Meller dankt der Gruppe noch einmal für den Einsatz: „Sie haben Geschichte geschrieben.“ Frau Umanovska sagt, sie sei sehr stolz auf die Gruppe und fühle, als habe sie selbst mitgearbeitet.

Übersicht 2006: