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Friedhofscamp Talsi 11.-21. Juli 2010

Bilder von diesem Friedhof finden Sie hier: http://usdine.free.fr/talsijewishcemetery.html

11.07.2010 (Sonntag)
Anreisetag, bedingt durch den Transport mit humanitärer Hilfe, erreichen wir Talsi erst um 22.00 Uhr.

12.07.2010 (Montag)
Der erste Eindruck ist, dass die Zerstörungen kleiner als befürchtet sind. Das sollte sich aber im Laufe des Tages nicht bestätigen. Im hinteren Teil sind doch sehr viele Steine umgeworfen oder zerbrochen.
Die Vegetation insbesondere im hinteren Teil ist wieder sehr hoch. Es rächt sich, dass der Cutter im letzten Jahr nur die oberirdischen Pflanzen, aber nicht die Wurzeln beseitigt hat.
Wir wollen auf alle Fälle einen Teil des Friedhofes durch einen Naturzaun einfrieden (vom Eingang aus). Dazu werden erste Pfähle und Latten vorbereitet.
Es werden sofort drei Grabsteine gefunden, die unter der Erde lagen. Diese Steine werden mit laufenden Nummern ab 200 gekennzeichnet, so dass auch später erkennbar ist, was wann gefunden wurde.
Janis Billers meint, dass der ursprüngliche Eingang zum Friedhof entlang einer „Baum-Allee“ gewesen ist. Das ist zur Zeit Urwald. Morgen wird das als erstes zu überprüfen sein und dann entscheiden wir, ob dieser Eingang wiederhergestellt wird.
Billers weiss auch die Lage des vergrabenen jüdischen Friedhofs in der Nähe. Wir werden mit einer kleinen Gruppe am Mittwoch dorthin fahren.
Ein zufällig vorbeikommender deutscher Tourist besichtigt den Friedhof und macht Fotos.
Wir überlegen, ob wir einen Anwalt finden, der gegen Erfolgshonorar bereit ist, die Gelder aus dem Prozess einzutreiben. Wir wollen Talberg bitten, in der Hinsicht tätig zu werden.

13.07.2010 (Dienstag)
Heute war der erste Arbeitstag in voller Besetzung. Nach einem Rundgang werden die Teilnehmer in die Aufgaben eingewiesen. Leider sind die versprochenen Materialen nicht da und sie werden auch heute nicht eintreffen.
Wie gestern angedacht, wird zunächst geprüft, ob es machbar ist, die ursprünglichen Eingang an der „Baum-Allee“ wiederherzustellen. Das scheint möglich und es ergibt sich tatsächlich ein besserer Zugang auf den Friedhof (keine Wege mehr über Gräber). Wir beschliessen den Zugang herzustellen. Das erfordert, dass das bisherige Tor schräg an den Anfang der Allee gesetzt wird. Wir schaffen etwa ein Drittel zu roden. Dabei finden wir unglaublich viel Bauschutt.
Alle Grabsteine, die nur aufgestellt werden müssen, werden wieder aufgestellt. Leider fehlt dann das Wasser und der Zement um mit dem Reparieren der übrigen Steine anzufangen.
Es muss auf alle Fälle ein ganz neuer Plan gezeichnet werden, da der alte zu viele Fehler hat.
Eine Dame vom Naturschutz taucht auf und will wissen, was wir machen. Sie ist am Friedhof nicht interessiert, sondern nur am Wald drumherum. Sie beurteilt den Wall aus den Vegetationsresten und den beabsichtigten Zaun skeptisch und möchte stattdessen gerne einen Weg rund um den Friedhof anlegen. Für die Baum-Allee empfiehlt sie die chemische Keule, „dann habt ihr nie wieder Unkraut auf dem Weg“. Am liebsten hätte sie alle Bäume auf dem Friedhof gefällt. Sie will morgen oder übermorgen jemand mit einem Traktor schicken, der den Weg anlegen soll.

14.07.2010 (Mittwoch)
Mit etwas Verzögerung kommt heute endlich das benötigte Werkzeug – jedenfalls zum Teil. Der Sand, die Gurte und das Wasser waren der Stadt zu teuer. Wir haben uns dann auf den Weg gemacht.
Die Grabsteingruppe ist sehr schnell mit dem Aufstellen der Steine, die geklebt werden müssen (vier werden gemacht). Wir sind gespannt, wie gut der gespendete Kleber hält.
Im neuen Eingangsbereich wird das Tor aufgerichtet und die ersten Meter des Naturzauns gesetzt. Wir schlagen Holzpfosten in die Erde und nageln darauf einen Ast oder Baum. Der alte Eingang wird bepflanzt und wir hoffen, dass das klappt, wenn wir bis zum Ende des Camps bewässern.
Vom Naturschutz kommt tatsächlich jemand und schlägt eine Schneise entlang der Westseite des Friedhofs in den Wald.
An der Stelle, wo die Baumallee auf den Friedhof mündet stehen zwei Grabeinfassungen im Wege. Der jetzige Standort ist mit Sicherheit nicht ursprünglich. Wir werden die beiden Einfassungen ein wenig Richtung Westen auf den Friedhof ziehen.
Eine kleine Gruppe macht sich auf, den vergrabenen Friedhof in Darte (Richtung Upesgriva) zu suchen. Wir entdecken auf einem Feld eine Baumgruppe auf einem leichten Hügel. Zu erkennen ist eine Steinmauer rundherum, die sicher viel älter als 100 Jahre ist. Leider konnten wir nicht ermitteln, ob und an welcher Seite ein Eingang gewesen ist, da die Mauer teilweise stark bewachsen ist.
Aufgebracht erscheint die Besitzerin und es dauert etwa 10 Minuten bis wir vernünftig mit ihr reden können. Wir wären auf ihrem Privatbesitz. Sie bestätigt, dass dort früher (unklar wann) mehrfach Menschen nach Schmuck und Gold gegraben haben. Es könnte durchaus sein, dass auch Grabsteine mitgenommen wurden. Vielleicht sind Fundstücke im Museum in Talsi (das versuchen wir zu klären).
Der Hügel selber ist schätzungsweise 100 m lang und 30 m breit. Er ist ca. 1,50 m höher als der umgebende Acker, an einer Stelle vielleicht 3,00 m. Auf dem Hügel liegen sehr viele Steine und Reste von Baumrodungen. Die Besitzerin sagt, dass sie dort alles gelagert haben, was auf dem Feld lag. Wenn man den Hügel komplett abtragen wollte, wäre schweres Gerät erforderlich und es müsste geklärt werden, wo der Abraum gelagert werden kann. Dazu müsste allerdings eine Zufahrt über eins der Felder angelegt werden.
Eine Untersuchung mit Sonden ergibt an allen probierten Stellen grössere Steine in einer Tiefe von 50 bis 80 cm. An drei Stellen graben wir probeweise und erreichen tatsächlich in der entsprechenden Tiefe Granit, eher glatt und mit 90 Grad Kanten. Ob es sich allerdings um Feldsteine oder Grabsteine handelt, lässt sich bei der Grösse der Grabung (ein Spaten im Quadrat) nicht endgültig ermitteln.

15.07.2010 (Donnerstag)
Heute werden die beiden Grabeinfassung am neuen Eingang umgesetzt. Aufgrund des Gewichtes und der Grösse kostet das sehr viel Zeit und Arbeitskraft. Bei der Gelegenheit entdecken wir eine weitere Einfassung in unmittelbarer Nähe. Es sieht so aus, als ob die drei Einfassungen zum Abtransport vorgesehen waren (wie wir das auch schon auf anderen Friedhöfen erlebt haben). Alle drei werden jetzt nebeneinander auf den nächstmöglichen Plätzen aufgestellt.
Die Pfosten des Eingangtores werden fundamentiert, der Weg wird weiter vom Unkraut befreit, der alte Weg weiter bepflanzt und die Zaunlattung bis zum Friedhof durchgezogen. Unser Wasservorrat ist mit 15 Litern sehr gering und wir müssen ständig zum See um nachgzufüllen. Es ist sehr schade, dass die Stadt nicht in der Lage war, uns ausreichend mit Wasser zu versorgen.
Mit Stein 98 ergibt sich ein Problem: das Fundament ist so sehr abgesackt, dass nach Aufsetzen des Steines immer die Gefahr des Umstürzens bestehen wird. Das Fundament lässt sich nicht richten. Wir werden den Sockel des Steines im unteren Teil vor dem alten Fundament fundamentieren und dann den Stein darauf setzen.
Erfreulich ist, dass wie an den Vortagen kreative Vorschläge in allen Bereichen zur Problemlösung von den Teilnehmern kommen und die Teilnehmer notwendige Arbeiten sehen und sehr selbständig arbeiten können.
Die Skizze für den neuen Lageplan ist fast fertig. Sie muss dann allerdings noch auf das grosse Papier umgesetzt werden. Billers möchte Bilder von den Arbeiten haben.

16.07.2010 (Freitag)
Wir kommen unheimlich schnell voran. Heute wird die Baumallee ganz von Grünzeug freigemacht, allerdings haben wir noch nicht alle Wurzeln raus. Am Ende der Allee wird eine Freifläche entstehen, die auch noch gesäubert werden muss.
Das Eingangstor wird fertiggestellt und auch die Zaunlattung in diesem Bereich. Ausserdem wird der Zaun auf der Ostseite des Friedhofs begonnen. Wir werden den Zaun so weit machen, wie möglich. Das Schlagen der Pfosten kostet ziemlich viel Kraft.
Weitere Grabsteine werden aufgestellt. Leider funktioniert der Kleber nicht so, wie wir es erwartet haben. Die Flächen müssen wohl ganz sauber sein und entsprechend tief mit Wasser angefeuchtet werden. Sehr viel Arbeit macht ein schwarzer Stein (45) mit Zapfen. Erst im zweiten Versuch rutscht der Zapfen ins Fundament. Am Ende des Tages bleiben noch 16 ungeklärte Steine.
Es bleiben auch noch unzählige Quadratmeter Grün, das letztes Jahr nur mit dem Trimmer gesäubert wurde.
Die Zeitung von Talsi kommt mit Reporterin und Fotograph zu einem Interview.
Billers sagt, dass der Stein von Kalman Pres auf das gerahmte Grab mit den Säulen gehört. Er kann es allerdings nicht begründen. Er hat ihn auch dorthin versetzt.
Nachmittags kommt Gita Umanowska mit einer grösseren Abordnung der jüdischen Gemeinde. Sie wundert sich, dass Jugendliche so „verrückt“ sein können, auf einem Friedhof zu arbeiten. Sie hat allerdings die gleiche Erfahrung jetzt mit jüdischen Jugendlichen gemacht.
Auch der Übersetzer der Steine, Eitan, ist dabei, aber er kann leider nur ins Russische übersetzen. Vielleicht hilft auch das, wenn wir eine Übersetzung Russisch-Deutsch mit einer Übersetzungsmaschine versuchen.

17.07.2010 (Samstag)
Ein kurzer Arbeitstag angesichts der Fortschritte.
Es werden drei Steine zementiert und insgesamt sechs aufgestellt. Im Östlichen Bereich werden vier weitere Grabkammern und ein zerbrochener Stein bei der Zeihung des Zaunes entdeckt. Ob die Kammern Aufschriften haben, muss am Montag geprüft werden. Wir finden einen Knochen (Wirbel). Da er nicht einem Grab eindeutig zuzuordnen ist, wird er an der Fundstelle bestattet.
Um die zerbrochenen Steine zu zementieren, muss der Sand ziemlich fein sein. Das bedeutet, dass wir den Sand sieben müssen. Das hält ziemlich auf. Wir werden am Meer wenigstens ein wenig Sand mitnehmen.
Die gärtnerischen Arbeiten kommen heute zu kurz.

18.07.2010 (Sonntag)
Ruhetag – Regen ohne Ende

19.07.2010 (Montag)
Nur eine der am Samstag gefundenen Grabkammern trägt eine Inschrift. Beim Ausgraben stellt sich heraus, dass eine Kammer gar keine Kammer ist, sondern ganz offensichtlich das Haus zum Vorbereiten der Toten (ähnliche Grösse wie in Gostini). Auf der nördlichen Seite des Hauses ist der Fussboden zu erkennen und es ist die Nut zu sehen, in die hölzerne Ausssenwände eingelassen waren. Es sieht so aus, als ob der Eingang im Osten war (Eingangsstufe?).
Vier Grabsteine werden zementiert und wir hoffen, dass das Ergebnis morgen gut ausfällt. Das Aufstellen der schweren Grabsteine auf die Sockel kostet unendlich viel Zeit und Kraft. Teilweise werden fast alle Teilnehmer gebraucht.
Wir können fast 100 m Zaun setzen. Wir haben jetzt auch am Ende der Baumallee angefangen und den Zaun bis zum Grab von Salman Pres durchgezogen.
Alle neuen Steine werden dokumentiert. Alle neuen Steine werden mit dauerhaften roten Zahlen versehen, die verwaschenen erneuert. Leider lässt sich das bisherige System nicht durchhalten, dass die Zahlen immer von Süden aus gesehen links stehen.
Schon jetzt ist klar, dass wir das Unkraut nicht vollends beseitigen können.
Die Baumallee soll morgen mit Gras eingesät werden. Da der Boden durch den gestrigen Regen relativ feucht ist, hoffen wir, dass das Gras auch ohne Bewässerung aufgeht.

20.07.2010 (Dienstag)
Das Haus hat die Masse 2,80 m mal 3,10 m. Der Eingang an der Schmalseite. Die eine Hälfte ist der Boden betoniert, die andere nicht (wie Gostini). Der Eingang bestätigt sich an der Ostseite.
Die Baumallee wird eingesät und es bleibt noch etwas übrig für den alten Eingang.
Bis auf sieben Steine werden alle aufgerichtet (davon drei in zwei Teile zerbrochen). Es fehlt an Zeit.
Der Zaun wird in rasantem Tempo fortgeführt, sodass wir am Ende knapp die Hälfte haben. Allerdings haben wir am Ende nicht mehr ganz so dicke Äste genommen.
Der Gedanke, die restliche Vergetation wie vom Naturschutz vorgeschlagen mit der chemischen Keule zu behandeln, wird endgültig verworfen. Der Naturschutz war übrigens nur einen Tag da, um den Weg um den Friedhof anzulegen.
Der Friedhof wird aufgräumt.

21.07.2010 (Mittwoch)
Abreisetag

Klaus-Peter Rex
Lasma Zeipe (LV)

Agnese Ziemele (LV)
Stefan K. (D)
Vanessa Hack (D)
Patrick Bongardt (D)
Tina Meisel (D)
Tatjana Hartung (D)
Clemens Lasslesberger (A)
Marie Amler (A)
Klaus Leitgeb (A)
Melanie Ariens (NL)
Wouter van Erp (NL)
Martijn Cremers (NL)
Guus Bertens (NL)
Bram de Bont (NL)
Sercan Kara (TR)