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Aizpute 2, 13.-25.07.2012

13.07.2012 (Freitag)
Anreisetag – in Riga treffen wir die Teilnehmer aus Berlin, Riga und Tschechien. Der Transfer mit dem angemieteten Bus klappt perfekt. Die Gestellung des Mietbusses lässt sich erst am nächsten Tag realisieren.

14.07.2012 (Samstag)
Wir sammeln das Werkzeug ein (unser vorab Geschicktes und das der Stadtverwaltung). Jolanta (vom Museum) sagt uns, dass letzte Woche jemand von der Stadt mit dem Trimmer über den Friedhof gegangen ist.
Ein grosser Teil des diesjährigen Teil ist tatsächlich geschnitten und hinterlässt erstmal enttäuschte Gesichter, weil unserer Anteil für dieses Jahr  klein aussieht.
Ein erster Rundgang über den alten Teil zeigt, der nicht geschnitten wurde, dass vor allem die Gesche stark nachgewachsen ist. Alle Wege sind zugewachsen und auch zwischen den Gräbern steht hoch Unkraut. Der Säulenstein (09.08.2011) steht jetzt an einer anderen Stelle (ein zweites Teil ist aufgesetzt), ein Stein scheint umgeworfen. Der Rest scheint in Ordnung.
Wir gehen dann die andere Seite des Friedhofs ab, damit alle die ungefähre Grösse sehen können. Heute werden wir nur in dem neuen Teil auslichten und mehrere grössere Bäume (krank oder andere behindernd) absägen. Erste geeignete Stämme werden schon für den Zaun zurecht geschnitten. Bei den Arbeiten fällt auf, dass neben zwei Gräbern frische etwa einen Meter tiefe Gruben ausgehoben sind. Wenn das Ziel war, an die Skelette heranzukommen, ist das nicht erfolgreich gewesen. Eine heller Grabstein (Jakob Jehuda = Jankel Leib) auf dem neuen Teil ist aufgerichtet, aber in die falsche Richtung. Da die Spuren noch erkennbar sind, muss das jemand seit dem letzten Jahr getan haben.
Der Regen setzt erst nach Arbeitsschluss ein.

15.07.2012 (Sonntag)
arbeitsfreier Tag, ein Fussballspiel gegen eine Fussballmannschaft endete mit 4:3 für uns.

16.07.2012 (Montag)
Heute wird vor allem ausgelichtet und wir schaffen etwa die Hälfte der Restfläche. Das Unkraut wir wenn möglich ausgegraben (siehe Vorjahr). In diesem Teil gibt es nur Grabumrandungen und nur ein Grab mit einem Blechschild. Wir finden Reste eines zweiten, aber darauf ist kein Text zu lesen. Die für den Zaun geeigneten Stämme werden auf die gleiche Länge zurechtgeschnitten und einige als Pfosten angespitzt. Einige grössere Bäume werden gefällt. Wir markieren von den sichtbaren Grabsteinen die, die bearbeitet werden müssten (etwa acht). Dabei finden wir einen kleineren Mühlstein (Handmühle?), den wir später im Museum abgeben.
Frau v. Ungern-Sternberg besucht uns bei der Arbeit. Sie hat von Gerda und Oswald Koch von uns gehört (siehe Vorjahr).

17.07.2012 (Dienstag)
Fortsetzung der Arbeiten vom Vortag. Auf einigen der Betonabdeckungen werden Inschriften gefunden. Bevor mit Rasierschaum gearbeitet werden kann, muss der Schmutz runtergewaschen werden. Der Zaun wird angefangen und an der Vorderseite auch fertiggestellt. Die anderen Seiten scheinen uns erstmal nicht so wichtig. Vom Rathaus bekommen wir Zement und Sand. Der Bürgermeister bringt den Sand vorbei. Wir versuchen den langen trockenen Ast an einer Eiche mithilfe eines Seils runterzureissen. Das misslingt. Wir verständigen uns auf eine Nummerierung der Gräber, die erkennen lässt, was dieses und was letztes Jahr gemacht wurden. Wir zählen die Reihen vom Wald im Ostern mit Buchstaben und die Gräber dann mit Zahlen von Norden beginnend. Die ersten Reihen werden provisorisch mit Kreide angefangen.
Heute kommt viel Besuch, zwei Frauen von der Künstlervereinigung (beide kennen wir vom letzten Jahr), Frau von Ungern-Sternberg und die Praktikantin von Jolanta.
Die eine Frau erzählt, dass im letzten Herbst ein Professor aus den USA den Friedhof besucht hat, um nach Gräbern der Verwandten zu suchen. Er hat die Arbeit sehr gelobt und auch Gräber gefunden (Feldmann). Sie hat auch  eine gute Nachricht für uns: fünf Jugendliche von der Pfingstkirche in Aizpute (es gibt in Aizpute mindestens vier verschiedene Kirchen) wollen mitmachen. Die stellen sich am Nachmittag auch vor und werden morgen früh mitfahren.

18.07.2012 (Mittwoch)
Fünf Jugendliche sind da, aber zwei verschwinden relativ schnell. Die drei übrigen arbeiten kräftig mit. Ausserdem ist der Mann mit der Motorsäge wieder da.
Wir schliessen das Auslichten mit Ausnahme der grossen Bäume (bleiben für die Motorsäge) ab. Die Feinarbeiten zwischen den Gräbern gehen weiter im vorderen Bereich der Reihen A-D. Auch die Nummerierung geht weiter bis Reihe H. Ob im hinteren Teil die Reihen fortgeführt werden, oder neue Buchstaben vergeben werden, ist noch offen. Das vermutete Wespennest war ein Fehlalarm.
Die beiden seitlich geöffneten Gräber werden wir wieder schliessen und im Rathaus Bescheid sagen. Die ersten vier Steine werden aufgerichtet und neu fundamentiert. Ob wir alle Steine aufstellen können, ist fraglich, da wir einfach nicht genug Leute sind.
Für das vemutete Massengrab entsteht die Idee, einen niedrigen Zaun rundherum zu errichten und ein Schild anzubringen.

19.07.2012 (Donnerstag)
Heute kommt die Freundin einer Freundin von Liene. Und die Motorsäge ist auch wieder dabei.
Jetzt wo fast alles freigeschlagen (es stehen überall noch kleine einjährige Bäume) ist, wird deutlich, wie gross der Friedhof ist, sicher der grösste von der Fläche von allen bisher bearbeiteten. Von den Grabsteinen sind es weniger.
Auch heute gehen die Feinarbeiten in verschiedenen Gräberreihen weiter. Das werden wir angesichts der Fläche nur exemplarisch machen können. Die Vermessungsgruppe kommt gut weiter. Da der Motorsägenmann die gefällten Bäume auch gleich zersägt, geht viel Zeit drauf die Holzstämme am Eingang zu stapeln.
In der Reihe D ist das erste Grab deutlich kleiner (halbe Grösse). Wir gehen davon aus, dass es sich um ein Kindergrab mit fester Umrandung und Deckel, aber ohne Grabstein handelt. Es ist das erste Mal, dass wir soetwas vorfinden. Bisher gingen wir davon aus, dass kleine Kinder nur ein Grab mit Hügel bekamen.
Im alten Teil des Friedhofs wird noch ein Grabstein gefunden und auch gleich aufgestellt, da ein Sockel mit Nut dazu gehörte. Die gestern fundamentierten Steine stehen bombenfest.
Die Umrandung für das vermutete Massengrab wird fertig. Es sieht fertig  sehr eindrucksvoll aus. Wir werden von eine Hinweisschild aus einer Baumscheibe anfertigen und rundherum am Zaun drei Davidssterne anbringen.
Nachmittags sind wir bei den Pfingstlern. Fünf Jugendliche sind da, legen in einer Vorstellungsrunde Bekenntnisse über ihren Glauben ab und zeigen uns ihre Kirche.

20.07.2012 (Freitag)
Heute dann doch keine Mitarbeiter aus Aizpute. Jolanta kommt vorbei und ist auch enttäuscht über die diesjährige Teilnahme. Die Stadtverwaltung sollte so wie auf dem neuen Teil auch auf dem alten regelmässig mit dem Cutter durchgehen, damit die Pflanzen nicht wieder hochkommen. Über den Fund des alten Mühlsteins muss ein Protokoll angefertigt werden.
Erst bringen wir alle Zusammen 30 Minuten lang abgeschnittenes Material heraus. Dann Feinarbeiten wie gestern. Das Schild am Massengrab wird angebracht. Zwei Grabsteine werden auf dem Sockel gedreht und festgemacht, drei Grabsteine werden aufgerichtet und fundamentiert. Es ist erstaunlich, dass wir die Steine mit so wenigen Leuten überhaupt hoch kriegen (oder hat die Masse sonst nur rumgestanden?). Wir finden ein weiteres Grab im noch nicht kartographierten Teil, das nicht der normalen Grösse entspricht, aber grösser ist als das Kindergrab.
Die dauerhafte Beschriftung beginnt, der Lageplan wird weitergeführt und die fotographische Dokumentation beginnt ebenfalls. Bei den drei Aufgaben hängen wir etwas in der Zeit.

21.07.2012 (Samstag)
Die Arbeiten vom Vortag werden fortgesetzt. Dokumentation, Plan und Nummerierung hinkten weiter nach. Die Nummerierung nach Reihen A und folgende lässt sich so nicht durchhalten, weil jetzt die schräg zur Ostausrichtung liegenden Steinreihen kommen. Vorschlag von heute: die ersten schrägliegenden Reihen mit römischen Buchstaben zu kennzeichnen, den ganzen Rest vielleicht mit kleinen Buchstaben, was sich später aufgrund der Lesbarkeit als nicht ganz so glücklich erweist. Ein grosser Stein in Reihe A ist völlig ohne Inschrift.
Die beiden Kindergräber sind doch gleichgross. Gita teilt am Abend mit, dass es auf andern Friedhöfen schon Kindergräber gibt – was wir auch nicht bezweifelt haben. Das Besondere scheint uns der dauerhafte Rahmen zu sein. Überraschend finden wir zum Kindergrab (D1) einen Stein und er scheint eine dreizeilige Inschrift zu haben. Das lässt sich aber heute nicht mehr verifizieren, da der Stein vom Säubern zu nass ist und der Rasierschaum verläuft.
Einige Teilnehmer lernen etwas von den hebräischen Inschriften zu lesen (z.B. Geschlecht, Todesjahr). Dabei fällt uns wieder mal ein Stein auf, auf dem Hunderterzahl und Zehnerzahl vertauscht sind, um beim Lesen als Wort, ein Schimpfwort zu vermeiden.
Zu dem Kirschner-Stein finden wir ein Oberteil (sieht nach 500kg aus), etwa vier Meter entfernt auf einem anderen Grab liegend, also nicht umgestürzt. Das kann eigentlich nur bedeuten, dass man jemand ohne Hebräischkenntnisse den Stein falsch zugeordnet hat. Ob wir mit den beiden Steinen eine „Familienzusammenführung“ machen, werden wir später entscheiden.
Gita meldet sich am Abend. Sie hat unseren Termin verpeilt und da in Riga ein jüdischer Kongress ist, wird niemand von der jüdischen Gemeinde Riga zur Abschlussfeier kommen. Aber es wird jemand wegen des Friedhofes in Preili kommen (Projekt 2013), um uns kennenzulernen. Sie wollten den Friedhof in Preili mit einem Architekten für sehr viel Geld restaurieren. Gita hat ihnen gesagt, dass das absolute Expertenteam, das mit Augenmass arbeitet, im Moment in Aizpute arbeitet.

22.07.2012 (Sonntag)
arbeitsfreier Tag

23.07.2012 (Montag)
Dina von Donnerstag kommt wieder und bleibt bis zum Nachmittag. Wir besuchen das Museum und sehen ein Bild vom Friedhof (Jolanta meint um 2000 – aufgrund des Fotopapiers könnte es aber auch viel eher sein). Da war jedenfalls noch alles in Ordnung.
Heute werden noch einmal Steine gefunden, etwa 8 werden aufgestellt. Ein Stein ist russisch beschriftet, aber ein jüdischer Name „Rivka Silbermann“. Sie ist offensichtlich bei der Armee gewesen. Das Todesdatum ist 1904. Gab es da schon Frauen bei der Armee?
Der Kirschner-Stein wird bewegt und wir schaffen es tatsächlich (mit so wenig Leuten) ihn auf dem gegossenen Grab hinter dem Sockel abzulegen. Auf den Sockel würden wir ihn auch mit mehr Leuten aufgrund der Höhe nicht kriegen. Beim Bernitz-Stein stellen wir den Sockel daneben und stellen nur den Stein auf das Fundament. Auf dem Sockel steht nur ein Spruch, keine Daten.
Der Stein auf dem Kindergrab (D1) ist leider auch mit Tricks nicht zu lesen, allein „gest.“ in Zeile drei ist zu erkennen. Vielleicht lässt sich auf dem Computer noch was machen.
Die Nummerierung und der Plan sind fertig, wenn nicht noch Steine gefunden werden. Bei den Fotos ist uns der Rasierschaum ausgegangen und es geht erst morgen weiter.
Der Feinschliff der Gräber wird nicht fertig werden, dazu sind es zuviele. Wir werden der Stadt sagen, dass sie zweimal im Jahr durchgehen sollen, um die Vegetation klein zu halten, damit nicht noch einmal eine solche Situation entsteht.
Ein Herr Benjaminsson meldet sich per mail und schickt die ganze Familiengeschichte mit Bildern mit. Die Familie hat in Aizpute gelebt und er meint, es gäbe auch Gräber auf dem Friedhof. Das sollte auf dem alten Teil sein. Wir werden morgen danach suchen.

24.07.2012
Dina ist morgens und nachmittags wieder dabei.
Heute werden noch Restarbeiten gemacht, einige Gräber am Anfang der Reihe A-D werden gesäubert. Die Grabsteine von gestern sitzen sehr fest. Es gibt noch zwei zerbrochene Steine, die wir aber nicht mehr reparieren. Die letzten Fotos werden gemacht, leider reicht der Rasierschaum wieder nicht (wir hatten viereinhalb Flaschen).
Die Fahnen werden aufgestellt. Alles wird noch mal nach Plastikmüll und Zweigen abgesucht.
Bei der Abschlussfeier waren rund 15 Gäste. Nach der Feier konnte ein Teil des Rätsels um die russische Frau geklärt werden. Im Dezember 1905 gab es in der Nähe von Aizpute Freiheitskämpfe. Es kam auch Herr Latvinsky, der aus Preili stammt und grosses Interesse an der Wiederherstellung des dortigen Friedhofs hat. Wir bekommen Pläne.
Bei der Rückgabe des Busses erklärte sich Herr Drulle bereit, da wir den Bus so pfleglich behandelt haben, uns im nächsten Jahr einen Sprinter am Flughafen Riga bereitzustellen.

25.07.2012
Abreisetag

Teilnehmer:
Klaus-Peter Rex

Thekla Berthold (D)
Pia Franken (D)
Anika Göttsche (D)
Romy Haacke (D)
Jens Kussauer (D)
Jelena Okunneck (D)
Zdenek Rakusan (CZ)
Luckshani Ratnakummar (D)
Sophia Schmöcker (D)
Nils Weber (D)
Lasma Zeipe (LV)
Agnese Ziemele (LV)
Dina (LV)
Helmut (LV)
Rebekka (LV)
Victoria (LV)